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Projektbeispiele

Die Demokratie mit demokratischen Mitteln verteidigen

Rhetorik will gelernt sein – das wusste schon Platon. Dass erst recht im Umgang mit Leuten aus dem rechtsextremen Milieu richtiges politisches Argumentieren entscheidend ist, damit beschäftigte sich nun der Arbeitskreis Politik und Zeitgeschichte des Luisenburg-Gymnasiums Wunsiedel.

Gymnasiasten erproben und verbessern ihre politische Rhetorik

Die zehn Teilnehmer haben sich im Halbkreis versammelt. Alle starren auf einen Einzelnen, eine Minute lang muss der die Blicke der anderen aushalten lernen – und eine Minute kann richtig lange dauern. Den Augenkontakt mit dem Publikum gehört ebenso zur Redekunst wie die sprachliche Gestaltung, das Einbauen von Pausen und die Wahl der Worte. Wer debattieren und vielleicht sogar politisch argumentieren will, sollte auch den Einsatz stimmlicher, mimischer und gestischer Mittel kennen oder sogar beherrschen. Also heißt es in der nächsten Aufgabe, einen zeitlich begrenzten und doch logisch gegliederten Impulsvortrag zu halten, sich in der freien öffentlichen Rede zu üben, geeignete Statements einzubringen und am Ende dies alles von der Gruppe beurteilen zu lassen.

Veranstalter des zweitägigen Workshop mit dem Titel „Einführung in die politische Rhetorik“ im Evangelischen Bildungs- und Tagungszentrum Bad Alexandersbad ist die Projektstelle gegen Rechtsextremismus. Die Leiterin Simone Richter erläutert das Vorhaben: „Ob NPD-Verbot oder der Umgang mit Rechtsextremisten im Alltag – wir alle müssen unsere politischen Kenntnisse nicht nur erweitern, sondern auch unsere Meinung äußern können. Damit rechtsextremes Gedankengut gar nicht erst aufkommt, brauchen wir engagierte junge Leute. Und wir müssen ihnen Weitebildungsangebote schaffen, in denen sie lernen, wie Demokraten mit demokratischen Mitteln die Demokratie verteidigen können.“ Als Kooperationspartner konnte die Thomas-Dehler-Stiftung gewonnen werden, die den Kommunikationstrainer Thomas Nagel zur Verfügung stellte; der ist nicht nur Studienleiter an der Akademie für Neue Medien in Kulmbach, sondern führt auch Seminare an der Akademie der Bayerischen Presse in München durch.

Da macht es „klick“. Und da schon wieder: klick klick. Ein bisschen hat es hier die Atmosphäre wie auf einer Pressekonferenz. Ein Schüler hat sich den Fotoapparat gegriffen und sorgt mit seinem Blitzlichtgewitter für Ablenkung. Wie soll man sich dabei auf den Vortrag konzentrieren? Wie kann ich meinen roten Faden beibehalten? Welche nonverbalen Signale gibt man eher unbewusst an die Zuhörer? Und was, wenn im Publikum getuschelt, Nase geputzt und sich geräuspert wird? Die Situation ist alles andere als einfach. Der Referent versucht, seinen Kerngedanken darzulegen, unruhig wippt er dabei vom linken Fuß auf den rechten. Ob er zu wild gestikuliert oder zu statisch steht, ob seine Ausführungen auf Anklang stoßen, ob die Fakten richtig recherchiert waren und ob die Schlagworte, Metaphern und Provokationen effektiv sind, das beurteilen die anderen Schüler. Jeder hat die Möglichkeit, in der eigenen Präsentation alle Kriterien möglichst perfekt zu erfüllen, sich loben und auch tadeln zu lassen, um am Schluss möglichst viele Erkenntnisse aus der Übung zu gewinnen.

„Aus einer Ideensammlung gingen Debattierthemen wie Ausstieg aus der Atomenergie, Forderungen nach mehr Deutschunterricht, Fachkräftemangel, EU-Osterweiterung, Bahnstreik und Transrapid hervor“, erklärt Thomas Nagel den Lernprozess. Daraus wählten die Schüler sich Schwerpunkte aus, bereiteten sich einige Minuten vor und hielten dann ihre Kurzvorträge. In die gegenseitige Beurteilung flossen dann Faktoren wie Körpersprache, Störfaktoren und Redeschmuck ein. „Statt dem Zettelwirrwarr solltet ihr lieber Moderationskarten benutzen. Und denkt dran: immer souverän bleiben, sich durch nichts aus der Ruhe bringen lassen, das ist das A und O“, mahnt der Trainer und gibt zahlreiche praktische Tipps zum Redestil und Selbstmarketing. Denn in dem Einführungskurs sollen die Teilnehmer nicht allein für das politische Gespräch fit gemacht werden, sondern auch für Redesituationen in Schule und bei Bewerbungsgesprächen. „Das Ziel ist es, insgesamt mehr Sicherheit zu gewinnen“, erläutert Oberstudienrat Stefan Niedermeier vom Luisenburg-Gymnasium den Hintergrund, warum er mit seinem Kurs diese Veranstaltung besucht. „Wenn die Schüler daran interessiert sind, wird es Aufbauseminare geben und vielleicht nehmen wir dann sogar einmal an einem Debattierwettbewerb teil.“

Dass bei einer solchen Debatte das Thema Rechtsextremismus auf der Agenda stehen könnte, ist sogar sehr wahrscheinlich. Aus der aktuellen politischen Situation heraus war dies daher auch ein Themenschwerpunkt beim Seminar. Gemeinsam wurden Argumentationsstrategien ausgearbeitet und im Diskurs ausprobiert. „Wenn wir die Menschen intensiver darüber aufklären würden, dass die NPD eine verfassungsfeindliche Partei ist, würde die sich ohne Mitglieder irgendwann selbst auflösen“, wirft Oliver ins Gespräch ein. Johannes tritt im verbal entgegen: „Zwar ist die NPD das Flaggschiff – aber warum redet keiner über die DVU und die Republikaner?“ In der Frage um das Parteienverbot erhitzt sich die Debatte. „Nach einem Verbot agieren die Rechtsextremen im Untergrund weiter. Außerdem haben wir doch Mittel und Wege und können die NPD dank der modernen Überwachungstechnik einfach weiter im Auge behalten“, schaltet sich Miriam ein. Gegen ein Verbot ist auch Maria: „Die kämen doch nach ein paar Jahren unter einem anderem Decknamen wieder.“ Ganz anders sieht es Christine, sie will die NPD als ideologische Plattform abschaffen und stellt eine eindringliche Frage: „Wann setzen wir endlich ein Zeichen, dass wir so etwas in unserer Gesellschaft nicht akzeptieren?“ Aber dann reißt Oliver wieder beherzt die Diskussion an sich: „Die NPD ist das Medium für das Böse und rechtsextreme Gedanken bekommen wir durch ein Verbot doch nicht aus den Köpfen.

Es bleibt bei einem Unentschieden, die Schüler wägen Pro und Contra ab. Einig sind sich die Gymnasiasten allerdings darin, dass Skinheads und Neonazis nur begrenzt einsichtsfähig sind, „obwohl da auch manche gebildete Leute darunter sind, die doch eigentlich wissen müssten, wo sie da hineingeraten sind“, so Charlotte. Und Clemens liefert ihr die Erklärung: „Das ist längst keine Altherrenvereinigungen mehr. Die NPD lockt, weil sie sich jung und dynamisch gibt. Da ist immer was los und hat das, was andere Wahlparteien eben nicht mehr bieten.“

Details zum Herausgeber:

Autorin: Simone Richter, Leiterin der Projektstelle gegen Rechtsextremismus des Bayerischen Bündnis für Toleranz.


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